Soziale Nachhaltigkeit 


Wir haben die Architektin Vivienne Kohler getroffen und mit ihr über einen zentralen Themenschwerpunkt der Berner Ortsgruppe von Architects for Future gesprochen.


Frau Kohler, was hat die Ortsgruppe Bern dazu gebracht, sich verstärkt mit dem Thema "Soziale Nachhaltigkeit" zu beschäftigen?

Der Sektor "Räumliche Gestaltung" fokussiert sich aktuell auf die Ökologische Nachhaltigkeit. Die Frage - Wie können wir einen rücksichtsvollen Umgang mit den uns zur Verfügung stehenden natürlichen Ressourcen etablieren? - beschäftigt viele Akteure. Welche Konsequenzen diese Transformation und unser architektonisches Handeln auf bestehende soziale Gefüge hat, steht dabei meistens im Hintergrund.

Können Sie uns kurz erläutern, was Sie unter "Sozialer Nachhaltigkeit" verstehen?

Soziale Nachhaltigkeit bedeutet, dass wir bei der Planung bzw. Weiterentwicklung von Gebäuden oder auch ganzen Arealen sozio-kulturelle Dimensionen berücksichtigen. Der Raum bzw. die Räume sollen für möglichst viele Personen von Nutzen sein. Weitere wichtige Aspekte sind z.B. ein hoher sozialer und wirtschaftlicher Impact, ein fördernder Einfluss auf die Gesundheit und das Zusammenleben der Bewohner oder auch die Pflege sowie  Weiterentwicklung des kulturellen Erbes.   

Gibt es in Ihrem näheren Umfeld ein konkretes Beispiel für die Relevanz der Sozialen Nachhaltigkeit?

Im Sommer 2023 haben wir dazu unterschiedliche Objekte in den Berner Quartieren Bümpliz und Bethlehem aufgesucht. Beispielsweise die Meienegg Siedlung, das älteste genossenschaftliche Projekt der FAMBAU mit 280 Wohnungen. Die Planung lag in den 1950iger Jahren beim Architektenehepaar Hans und Gret Reinhard. Aktuell gibt es Bestrebungen dieses Ensemble durch Neubauten zu ersetzen. Mit dem Format "Abrissspaziergang" haben wir diese Entwicklung analysiert und dabei verstärkt sozio-kulturelle Indikatoren berücksichtigt. 

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Die geplante Siedlung wird wegen des Verlusts von günstigen Wohnraum einen Grossteil der aktuellen Bewohnerinnen und Bewohner verdrängen. Auch ist aus unserer Sicht dem kulturellen Erbe "Meienegg" nicht ausreichend Beachtung geschenkt worden.

In der internationalen Forschung werden sämtliche von Ihnen genannten Aspekte unter dem Begriff der "
Umweltdiskriminierung" bzw. "-rassismus" diskutiert. Beschäftigen Sie diese Ansätze ebenfalls?

Absolut. Allerdings müssen wir uns diese Perspektiven neben dem Tagesgeschäft selbst erarbeiten. Die heutige Ausbildung fokussiert sich, wie gesagt, im Bereich Nachhaltigkeit auf ökologisch-materielle Aspekte.

Wo liegt aus Ihrer Sicht das grösste Hemmnis hin zu einer Nachhaltigen Baukultur?

An Forschungsergebnissen fehlt es meines Wissens nicht. Der disziplinübergreifende Wissenstransfer von der Forschung in die Baubranche ist jedoch zu wenig etabliert. Dies trifft z.B. auf die Erkenntnisse aus der Soziologie oder auch Anthropologie zu. In der Zeitschrift TEC 21 ist im Mai diesen Jahres ein "Offener Brief" dazu erschienen, der die fachübergreifende Zusammenarbeit weitaus stärker einfordert. 

Gibt noch ein weiteres Hemmnis?

Ja, ein ganz praktisches: Die Zeit. Der Beruf der Architektin bzw. des Architekten wird immer komplexer. In Planungsverfahren einen zusätzlichen "Schritt" bzw. "Gedankengang" zu verfolgen ist meistens schlicht nicht realisierbar.

Liebe Frau Kohler, herzlichen Dank für das Gespräch.