Definition:

Nachhaltige Baukultur umfasst alle Aspekte der gebauten und gestalteten Umwelt mit den dazugehörigen vier Dimensionen: Ökologie, Gesellschaft, Ökonomie und Kultur. Sie ist grundsätzlich branchen- und disziplinoffen sowie partizipativ ausgelegt. 

 

Nachhaltiges Bauen vor der Erfindung der Nachhaltigkeit 

Die Autochthone Architektur (aus dem Griechischen, auto = selbst; chthon = Erde), die Vernakuläre Architektur (lat. Vernaculus = einheimisch) und die Anonyme Architektur (Architektur ohne Architekten), sind drei Stichworte, die für das Themengebiet «Nachhaltigkeit» von grosser Bedeutung sind. Wenn wir uns bewusst machen, dass vor der Globalisierung und Industrialisierung mit Mitteln gebaut wurde, die lokal verfügbar waren, liegt es auf der Hand, dass das Nachhaltige Bauen nicht in den letzten 50 Jahren erfunden wurde. 

 

Alte Handwerkstraditionen, einfach herzustellende Materialien (z.B. Mörtel für Verputze) beziehungsweise Materialien aus nachwachsenden Rohstoffen oder an die Topografie und klimatische Bedingungen angepasste Gebäude, sind Traditionen, die seit Jahrhunderten existieren. Ein weiteres mit der Nachhaltigkeit verbundenes Phänomen, ist die Wertschätzung der baulichen Qualität. Dabei ist Qualität keine neue Erfindung, denn bereits in der römischen Antike wurden bei Ruinen einzelne Elemente entwendet und als sogenannte Spolien an Neubauten eingefügt. Dies gilt auch für das populäre Prinzip der Selbstbauweise seit den 1970er-Jahren. Sie führt uns zum Beginn der Architektur, deren Geschichte und den ersten Formen natürlich-orientierter Behausungen. Die Urhütte, wie vom antiken Architekturtheoretiker Vitruv thematisiert, markiert als primitivste Form der Unterkunft den Anfang allen Bauens. Einfache in Holz-Lehm-Konstruktion sind dabei der Anfangspunkt der Architektur. Die Selbstbauweise und die Wiederverwendung von Materialien ziehen sich also durch die gesamte Architekturgeschichte und stellen das Gegenmodell zum konsumorientierten und industriellen Bauen des späten 20. Jahrhunderts dar. 

R.G.


Nachfolgende Abbildung: Frontispiz des Essays von Marc-Antoine Laugier «Essai sur l'architecture», gestochen von Charles Dominique Joseph Eisen (1755). 

Zentrale Stationen im 20. Jahrhundert 

Der Nachhaltigkeitsbewegung gehen zahlreiche Teilentwicklungen voraus: Ökologische und forstwirtschaftliche Strömungen des 18. Jahrhunderts, Lebensreformbewegungen des 19. Jahrhunderts, der Denkmal-, Heimat- und Naturschutz seit 1900 oder die Ökologie- und Umweltbewegung seit den 1970er-Jahren. Sämtliche dieser Strömungen stellten die negativen Konsequenzen von Verschwendung und Überfluss in das Zentrum ihrer Überlegungen. Als Ausweg aus dieser Situation entwarfen die Akteure alternative Konzepte zu Bildung, Ernährung, Gesellschaft, Gesundheit, Wirtschaft, Wissenschaft und natürlich auch zur Gestaltung der Umwelt. Ab Ende des 19. Jahrhunderts machte man für die zunehmende Entfremdung des Menschen von der Natur, drei Aspekte verantwortlich: die Übernutzung natürlicher Ressourcen, die soziale Ungleichheit und den aufsteigenden Kapitalismus mit der fortschreitenden Industrialisierung. Zu den traditionellen ökonomisch-haushälterischen traten politische Debatten.   


Nachfolgende Abbildungen: Monte Verità und Dornach (r.u.) - die wichtigen Beispiele für die Lebensrefombewegung in der Schweiz, in: Stacher, S. (2018); Kugler, W. (2007). 

Mit Blick auf diese Auseinandersetzungen hat das Thema der Nachhaltigkeit eine lange Tradition. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden diese und weitere Stränge zusammengeführt,  präzisiert und in konkrete Agenden übersetzt: angefangen mit dem Brundtland Bericht «Unsere gemeinsame Zukunft» (1987) über die Konferenzen der Vereinten Nationen zu Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro (1992 & 2012) bis hin zur  Agenda 2030 mit den bekannten 17 Zielen für nachhaltige Entwicklung (2015). Ausgangspunkt aller Überlegungen ist, und das unterscheidet die Nachhaltigkeitsbewegung massgeblich von den Klima- und Umweltbewegungen, der Mensch. Das bedeutet, dass sich die Nachhaltigkeitsziele auf die weltweiten Bedürfnisse gegenwärtiger und zukünftiger Generationen fokussieren. Klima- und Umweltschutz sind dabei unverzichtbare Teilbereiche, aber nicht die zentralen Punkte. Insgesamt erstrecken sich die Handlungsfelder über alle Aspekte innerhalb menschlicher Gesellschaften und verfolgen somit eine universal-globale Perspektive.  

J.B.

«Nachhaltige oder dauerhafte Entwicklung ist eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, das künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.» 


Brundtland-Bericht (1987) 

«Die Menschen stehen im Mittelpunkt der Bemühungen um eine nachhaltige Entwicklung. Sie haben das Recht auf ein gesundes und produktives Leben im Einklang mit der Natur. […] Das Recht auf Entwicklung muss so verwirklicht werden, dass den Entwicklungs- und Umweltbedürfnissen der heutigen und der kommenden Generationen in gerechter Weise entsprochen wird»


Rio (1992) 

«Wir, die Vertreter der Völker der Welt, […], bekräftigen unser Bekenntnis zur nachhaltigen Entwicklung. Wir verpflichten uns, eine humane, gerechte und fürsorgende globale Gesellschaft aufzubauen, die der Wahrung der Würde aller Menschen stets eingedenk ist.»

Johannisburg (2002)

 

Infobox

Als erstes Land der Welt hat die Schweiz am 1. Januar 2000 die Nachhaltigkeit in der Bundesverfassung unter Artikel 2 verankert: 

«Die Schweizerische Eidgenossenschaft schützt die Freiheit und die Rechte des Volkes und wahrt die Unabhängigkeit und die Sicherheit des Landes.
Sie fördert die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes.
Sie sorgt für eine möglichst grosse Chancengleichheit unter den Bürgerinnen und Bürgern.
Sie setzt sich ein für die dauerhafte Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen und für eine friedliche und gerechte internationale Ordnung.»   

Die Relevanz von Bauen und Wohnen

«Bauen und Wohnen» sind zentrale Faktoren in der Transformation hin zu einer nachhaltigen Umwelt und Weltgesellschaft. Mit Blick auf die Nachhaltigkeitsziele 11, 12 und 13 zeigt der Umweltbericht des Bundes aus dem Jahr 2022 nochmals deutlich auf, dass 25% der Belastung entlang der gesamten Lieferkette auf diesen Bereich entfallen. Damit verbundene Problemfelder sind unter anderem die Versiegelung und Zersiedelung der Landschaft, nicht optimierte Stoffkreisläufe mit steigenden Abfallmengen (z.B. Fast Furniture) oder der hohe Verbrauch von ausländischen Rohstoffen (z.B. Sand). Ein Massnahmenpaket liefert der Bericht gleich mit und stärkt damit die parallele Suche der Experten und Expertinnen zu neuen Formen des Bauens und Wohnens. Bei näherem Hinsehen scheinen diese wichtigen Ansätze zur Flächensuffizienz, Verdichtung oder zum rezyklierten Bauen jedoch nicht auszureichen. Die Konsumenten und Konsumentinnen bevorzugen weiterhin das Einfamilienhaus im Grünen, Einrichtungsgegenstände aus der Serienproduktion oder akzeptieren intransparente Lieferketten im Baustoffbereich. Die Lage ist also komplizierter, was auch die Ergebnisse der Lebensstil-, Konsum-, Milieu- und Verhaltensforschung bestätigen. Man weiss heute, dass der Weg zu einem veränderten Lebensstil nur über eine «entgegenkommende Grundeinstellung» (Ludger Heidbrink) zur Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Konkret: Wir brauchen in der breiten Bevölkerung ein Relevanz-, Akzeptanz-, Traditions- und Wertebewusstsein für eine Nachhaltige Bau- und Wohnkultur. Allerdings schätzen, so eine Umfrage zur Relevanz des persönlichen Engagements aus dem Jahr 2022, nur 20% der Befragten ein nachhaltiges Verhalten als wichtig, 32% als eher wichtig und 48% als neutral bis gar nicht wichtig ein. Wie lässt sich unter diesen Vorzeichen eine breite Akzeptanz erreichen? Gemäss unserer Kenntnis scheinen vier Faktoren besonders vielversprechend zu sein.  

J.B.

«Nachhaltiges Bauen und Wohnen» berücksichtigt die Faktoren:

 

  • Gesenkter Energie- und Betriebsmittelverbrauch 
  • Geringe Transportkosten und -wege der Bauteile 
  • Rückführung aller verwendeten Materialien 
  • Möglichkeit der Nachnutzung 
  • Schonung von Naturräumen (z.B. durch flächensparendes Bauen) 
  • Einrichtungsgegenstände und -materialien, die ökologische, ökonomische und soziale Aspekte berücksichtigen 

 
Nachfolgende Abbildung: Wohnen, in: Schweizerischer Bundesrat (2022)

"Wohnen", in Umwelt Schweiz, 2022