Faktoren, die die Lösungssuche vereinfachen und die Akzeptanz stärken 

Faktor 1: Branchen- und Disziplinoffenheit

Ein grundlegender Faktor ist das theoretische Verständnis zur Bau- und Wohnkultur, dass heute diametral zur gelebten Praxis steht. In Debatten, Arbeitsgruppen und Initiativen zu einer Nachhaltigen Transformation sind selten inter- und transdisziplinäre Teams anzutreffen. Die Architektur, Raumplanung, Ingenieurswissenschaft, Natur- und Technikwissenschaften werden weiterhin als die zentralen Ansprechpartner angesehen, obwohl das Thema «Nachhaltigkeit» als disziplin- und branchenoffenes Feld angelegt ist. Zur Lösungssuche müssen unter anderem die Vertreter der sozio-kulturellen Dimension, wie die Anthropologie, Betriebswirtschaft, Kultur- und Kunstwissenschaft, Kulturgeografie, Soziologie, Pädagogik, Philosophie oder Psychologie, und das Design sowie die Innen- und Landschaftsarchitektur integriert werden. Nur so können ganzheitliche Ansätze und Lösungen entwickelt werden.  

«Umweltgerechtes Denken und Handeln geht aber von der Einsicht aus, dass Menschen die Umwelt beeinflussen und verändern und dass es jetzt gilt, die Menschen zu beeinflussen und zu verändern. Was nützen natur- und ingenieurwissenschaftliche Kenntnisse und daraus abgeleitete abstrakte Forderungen, wenn sie in gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen, Sachzwängen und Werthaltungen stecken bleiben.»
Prof. Dr. em. Bruno Messerli, Universität Bern (1996) 

Faktor 2: Forschungslücken schliessen

Ein weiterer Faktor sind Forschungslücken, die die Entwicklung eines gesellschaftlichen Konsenses bedeutend erschweren. Eine liegt im Bereich des Wissenstransfers mit der zentralen Frage, welche grundlegenden Werte beziehungsweise Lebens-Stilisierungen ins Bauen bis heute eingeschrieben sind und wie diese die gewünschte Zielerreichung behindern? Eine weitere Lücke ist, die nicht aufgearbeitete Geschichte des Nachhaltigen Bauens und Wohnens in der Schweiz. Soll es zu einem bewussten Umgang mit Nachhaltigkeitstraditionen kommen, müssen diese Traditionen für die breite Bevölkerung im Alltag erlebbar gemacht werden können. Die Recherchen haben jedoch gezeigt, dass wichtige Nachlässe sowie Lösungsansätze bis heute nicht erhoben beziehungsweise aufgearbeitet sind. Vergleichbares ist für die «nachhaltige» Medien- und Bildungsgeschichte seit 1970 oder die Beziehung zwischen der Bau-, Immobilien- und Finanzwirtschaft zu konstatieren. 

Nachfolgende Abbildung: Architektur im Alltag - Zehn Franken Schein mit Le Corbusier (seit 1997).

Faktor 3: Verflechtungen verdeutlichen 

- In Überarbeitung - 

«Baukultur umfasst alle menschlichen Tätigkeiten, welche den gebauten Lebensraum verändern. Sie ist Teil der kulturellen Identitäten und Vielfalt. Baukultur beginnt bei der offenen Landschaft, umfasst das Gebaute, aber auch das Unbebaute, das Dazwischen. Der gesamte Lebensraum wird als untrennbare Einheit verstanden.»

Baukultur Schweiz 

«Baukultur ist wesentlich, um eine Umwelt zu schaffen, die als lebenswert empfunden wird. Sie hat neben sozialen, ökologischen und ökonomischen Bezügen auch eine emotionale und ästhetische Dimension. Ihre Herstellung, Aneignung und Nutzung ist ein gesellschaftlicher Prozess, der auf einer breiten Verständigung über qualitative Werte und Ziele beruht.»

Bundesstiftung Baukultur (Deutschland) 

Faktor 4: Kulturen berücksichtigen  

Der letzte Faktor bezieht sich auf die Erkenntnis, die eine alte Forderung enthält: In den letzten zwei Jahren hat die internationale Forschung die Möglichkeiten der Einflussnahme von Personen mit einem hohen sozioökonomischen Status untersucht. Man hat festgestellt, dass die Entscheidungen für oder gegen einen nachhaltigkeitsorientierten Konsum massgeblich vom Verhalten der Eliten abhängig sind. Nachhaltiges Bauen und Wohnen wird «chic», wenn auch der Prominente beziehungsweise die Prominente aus Kultur, Wirtschaft oder Politik dieses Ziel verfolgen. Diese Feststellung stützt auch die Architekturwissenschaft, da sich das Nachhaltige Bauen in seiner Geschichte besonders in der «Premium Architektur» realisiert hat. Darüber hinaus verdeutlicht das Ergebnis nochmals die Relevanz einer intensiven Auseinandersetzung mit der im Bauen implementierten sozio-kulturellen Dimension. Im vorliegenden Beispiel berührt ein Transformationsprozess im Bereich «Premium Architektur» tief verwurzelte Kulturdimensionen zu Macht, Individualismus und Genuss mit den alten Konzepten zum «Guten Leben». Diese bedeutenden Eingriffe werden in der praxisorientierten Lösungssuche und der anschliessenden gesellschaftlichen Implementierung bis heute vernachlässigt - was wiederrum auf einen noch zu bewältigenden Kulturwandel in der fachübergreifenden Zusammenarbeit verweist, [siehe Faktor 1].

«Eine unglaubliche Vielfalt an Massnahmen wurde seither (1992) entwickelt [...]. Aber an gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Grundsätzen hat sich bisher offensichtlich wenig gändert [...]. Es genügt also nicht, sektor-spezifisch und disziplinär nach Lösungen zu suchen. Änderungen, die alle Lebens- und Handlungsbereiche der Menschen betreffen - also Änderungen unserer Kultur - sind notwendig.»
Dr. Renate Hübner, Alpen-Adria-Universität Klagenfurt (2010)