Wege und Medien des Nachhaltigen Bauens und Wohnens nach 1972


Rechtsseitige Abbildung, Erdbauten, in: Ahrens, D. (1983).

Die Werbung für das Einfamilienhaus war am Ende erfolgreich: Das Bauen und Wohnen war am Beginn der 1980er-Jahre ein Konsumgut. Der Anteil der Einfamilienhäuser an der gesamten Bautätigkeit in der Schweiz steigerte sich von 2.834 im Jahr 1949 auf 14.774 Einheiten im Jahr 1989. 1990 lag die Wohneigentumsquote bei 30%, wobei deutliche Unterschiede zwischen Stadt und Land bestanden: im städtischen Raum betrug sie 19,5%; in ländlichen Regionen 50,5%. Die durchschnittliche Wohnfläche verteilte sich auf mehr als fünf Zimmer und lag bei 39 m2 pro Person. Wie nachfolgende Grafik zeigt, haben sich diese Zahlen bis heute weiter erhöht. Nicht in die Aufstellung inbegriffen, sind die relevanten Problemfelder «Abfallaufkommen» oder «Rohstoffverbrauch». Insgesamt, so resümiert das Bundesamt für Umwelt, ist heute der Bereich «Bauen und Wohnen», mit Blick auf das Erreichen der Nachhaltigkeitsziele, der ausschlaggebendste Aspekt im schweizerischen Endkonsum.

Im historischen Rückspiegel zeigt sich, dass der Gegenvorschlag zu dieser Entwicklung, die «Nachhaltige Baukultur» zwei Wurzeln hat: einerseits die alte Idee einer Entwicklung der Architektur aus der Natur heraus und andererseits die zur Relevanz des Hauses für eine gesunde Umwelt. Beide Auffassungen führen bis weit in die Antike zurück und wurden in den 1970er-Jahren, angesichts globaler Umwelt- und Systemkrisen, verstärkt rezipiert beziehungsweise zum Ausgangpunkt für alternative Konzepte genommen. Interessant dabei ist, dass sich die Bedeutung der Architektur als künstlerischer Ausdruck in beiden Vorgehensweisen relativiert. Im ersten Fall steht die Natur der Architektur vor; im zweiten Fall bestimmt der Bedarf des Menschen den architektonischen Entwurf. Dieses alternative Verständnis ist bedeutsam. Es ist faktisch eine Abkehr vom herrschenden Leitbild moderner Gestaltung: das rationale, funktionale, technikzentrierte und ökonomisch-serielle Bauen mit dem Ziel, dem Menschen einen neuen Lebensraum zu entwerfen. In diesem Ideal spielt die vom Architekten beziehungsweise der Architektin entworfene Architektur die Hauptrolle. Der schematisierte Mensch unterstützt die industrielle Serienfertigung und Standardisierung. Die umgebende Natur beziehungsweise Landschaft sind entweder formal-ästhetisch integriert oder als Antipode zur Architektur inszeniert.

Nachfolgende Abbildung: «Der Modulor», von Le Corbusier (ab 1948), in: Weston 2002.

Das «natürliche» Haus, verstanden als zentrale architektonische Idee eines starken Natur- und Umweltbezugs mit einer intensiven Auseinandersetzung zur Ressourcenproblematik, hat im 20. Jahrhundert auch in der Schweiz die unterschiedlichsten Gesichter. Neben dem bekannten Organischen Bauen entstand unter anderem die Umweltarchitektur, Höhlen- beziehungsweise Terraarchitektur und das Ökologische Bauen. Allen Strömungen ist gemein, dass sie sich auf einen engen Dialog zwischen Architektur, Landschaft sowie Natur und Material einlassen und damit die technikzentrierten Ansätze konterkarieren. 

Das «gesunde» Haus entwickelte sich in der Frühmoderne aus Gesundheitskonzepten der architektonischen Theorie und Praxis, die meist den Zustand der öffentlichen Hygiene in den Fokus nahmen. Die 1970er-Jahre erweiterten diese Themenpalette. In den Augen des Wohnmediziners Hubert Palm leidet das Haus, wie der Mensch, an Zivilisationskrankheiten. Die Ursachen seien, so der Autor, die Verwendung problematischer Materialien, das verdichtete Bauen oder die Trennung des Hauses von der Natur. Nur ein gesundes, menschengerechtes und schadstoffminimiertes Bauen vermeide psychische und physische Konsequenzen für die Bewohner und schone die Umwelt. Lösungsansätze sahen die Vertreter unter anderem in der Förderung der Verwendung von Naturbaustoffen, dem zu entwickelnden Bio-Beton sowie dem Verzicht von Zement sowie Asbest. Das gesunde Bauen umfasst alle Aspekte: vom Bauplatz über schadstoffgeprüfte Materialien und natürliche Dämmstoffe bis hin zur Auswahl der Einrichtungsgegenstände.


Nachfolgende Abbildung: Schweizer Hauseigentümerverband 1985.

Der Besitz eines nachhaltigen und gesunden Wohnumfelds war im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts jedoch nur für wenige Personengruppen attraktiv. Die am Markt befindlichen Angebote entsprachen nicht den populären Vorstellungen zur architektonisch-zweckmässigen Gestaltung mit «modernen» Baumaterialien, neuester Haustechnologie und einem sauber gestalteten Umschwung. Auch irritierte die im nachhaltigen Bauen und Wohnen aufgehobene Trennung von Kultur- und Natursphäre, die sich seit dem 17. Jahrhundert peau à peau herausgearbeitet hatte. Eigentum und Besitz sollten sich «visuell» von der umgebenden Natur unterscheiden. Die Natur, so die Meinung, hat sich dem Gestaltungs- und Konstruktionswillen des Architekten, der Architektin und der Eigentümer zu unterwerfen. Ihr Sinn besteht darin, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen. Davon abgesehen schützt die eigene Behausung vor Naturgefahren. Kurz: Der Mensch ist in diesem Gedankengebäude nicht Teil, sondern ein Gegenpart der Natur. Die mit dem zunehmenden Krisenbewusstsein immer lauter werdenden Auseinandersetzungen um die Überfluss- beziehungsweise Konsumgesellschaft mit der Relevanz einer freiwilligen Ressourcenbeschränkung in den Bereichen Energie, Fläche oder Materialien rüttelten an diesen Konzepten. Dies förderte ein Abwehrverhalten, dass das Anliegen um eine alternative sowie ganzheitliche Baukultur bis in die 1990er-Jahre in alternative Milieus verbannte. Die Aufmerksamkeit der Mehrheitsgesellschaft beschränkte sich auf Reportagen zu den Aussenseitern, Bau-Anarchen Einzelgängern und Idealisten. 

Nachfolgende Abbildungen: «Die locker-kreativen Bau-Anarchen aus Kalifornien» (Auszüge aus der Bildserie), in: Ideales Heim. Das Schweizer Wohnmagazin, 4, 1986. 

Dementsprechend spielten Konsum- und kapitalismuskritische Diskurse innerhalb der Repräsentanten eines Alternativen Handels eine wichtige Rolle. Man grenzte sich bewusst zur Mehrheitsgesellschaft und in Teilen auch zur eigenen Profession ab. Pioniere des Nachhaltigen Bauens im deutschsprachigen Raum, wie Rudolf Doernach, Margit Kennedy, Otto Kolb, Per Krusche, Gernot Minke, Eduard Neuenschwander, Frei Otto, Peter Vetsch oder Elemér Zaloty, hatten nicht selten einen interdisziplinären Hintergrund und integrierten die Architektur in alternative Ökonomiemodelle oder das biologische Denken. Sie leiteten den architektonisch-ästhetischen Entwurf aus universellen Gesetzmässigkeiten, die unter anderem als Energie, Natur oder Raum ausdifferenziert werden, ab. Andere Akteure, wie etwa Bernard Rudofsky, untersuchten «Anonyme Architekturen» im Kontext weltweiter Baukulturen. Analyseziel war, die begrenzte Vorstellung des «westlichen Fachmannes» zu überwinden und so, neudeutsch formuliert, die Dekolonialisierung der Architektur voranzutreiben. Denn, so Rudofsky im Jahr 1964, die «unverbildeten Baumeister in Raum und Zeit […] zeigen ein bewundernswertes Talent, Bauten in die natürliche Umgebung einzugliedern. Anstatt die Natur zu erobern, wie wir es tun, begrüssen sie die Wechsel-haftigkeit des Klimas und die Herausforderung der Topografie.» Ein weiterer wichtiger Standpunkt waren jene Äusserungen, die noch tiefer in das eigene Handeln eindrangen und gegen die Signature-Architektur beziehungsweise das Autoren-Design opponierten. Selbstorganisation, Eigeninitiative und Partizipation waren dabei die gewählten Waffen gegen das architektonische Establishment. Das Wissen erarbeitete man sich im Kollektiv und Selbststudium. Wichtige Impulse erhielt man im deutschsprachigen Europa, neben den Arbeiten der Skandinavische Moderne mit Alvar Aalto, aus der US-amerikanischen Community. Allen voran durch Handbücher oder die Arbeiten sowie Schriften von Richard Buckminster Fuller mit der bekannten Raumschiff-Erde-Metapher, Michael E. Reynolds als  populärer Vertreter des DIY-Bauens mit recycelten Materialien, Paolo Soleri als ökologischer Mega-City-Visionär, Sim Van der Ryn als Anhänger der «Appropriate Technology» oder Malcolm Wells als Pionier der Underground-Architecture.
 
Nachfolgende Abbildungen:  Kern, K. 1975; Underground Space Center 1979; Van der Ryn 1978 und Reynolds, M. 1993. 

DIY-Praxis ... Abschnitte zu Medien und Wissenstransfer sowie zum Nachhaltigen Villenbau in Überarbeitung